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Paul Celan – Schneepart.

(Suhrkamp Verlag 1971)

 

I

Brunnengräber im Wind:

 

es wird einer die Bratsche spielen, tagabwärts, im Krug,

es wird einer kopfstehn im Wort Genug,

es wird einer kreuzbeinig hängen im Tor, bei der Winde.

 

Dies Jahr

rauscht nicht hinüber,

es stürtzt den Dezember zurück, den November,

es gräbt seine Wunde um,

es öffnet sich dir, junger

Gräber-

brunnen,

Zwölfmund.

 

II

Das angebrochene Jahr

mit dem modernden Kanten

Wahnbrot.

 

Trink

aus meinem Mund.

 

III

Unlesbarkeit dieser

Welt. Alles doppelt.

 

Die starken Uhren

geben der Spaltstunde recht,

heiser.

 

Du, in dein Tiefstes geklemmt,

entsteigst dir

für immer.

 

IV

Huriges Sonst. Und die Ewigkeit

blutschwarz umbabelt.

 

Vermurt

von deinen lehmigen Locken

mein Glaube.

 

Zwei Finger, handfern,

errudern den moorigen

Schwur.

 

V

Ich höre, die Axt hat geblüht,

ich höre, der Ort ist nicht nennbar,

 

ich höre, das Brot, das ihn ansieht,

heilt den Erhängten,

das Brot, das ihm die Frau buk,

 

ich höre, sie nennen das Leben

die einzige Zuflucht.

 

VI

Mit der Stimme der Feldmaus

quiekst du herauf,

 

eine scharfe

Klammer

beißt du dich mir durchs Hemd in die Haut,

 

ein Tuch,

gleitest du mir auf den Mund,

mitten in meiner

dich Schatten beschwerenden

Rede.

 

VII

Die nachzustotternde Welt,

bei der ich zu Gast

gewesen sein werde, ein Name,

herabgeschwitzt von der Mauer,

an der eine Wunde hochleckt.

 

VIII

Eingejännert

in den bedornten

Balme. (Betrink dich

und nenn sie

Paris.)

 

Frostgesiegelt die Schulter;

stille

Schuttkäuze drauf;

Buchstaben zwischen den Zehen;

Gewißheit.

 

 

IX - LARGO

Gleichsinnige du, heidegängerisch Nahe:

 

über-

sterbens-

großliegen

wir bei einander, die Zeit-

lose wimmelt

dir unter den atmenden Lidern,

 

das Amselpaar hängt

neben uns, unter

unsern gemeinsam droben mit-

ziehenden weißen

 

Meta-

stasen.

 

X - MAPESBURY ROAD

Die dir zugewinkte

Stille von hinterm

Schritt einer Schwarzen.

 

Ihr zur Seite

die

magnolienstündige Halbuhr

vor einem Rot,

das auch anderswo Sinn sucht -

oder auch nirgends.

 

Der volle

Zeithof um

einen Steckenschuß daneben, hirnig.

 

Die scharfgehimmelten höfigen

Schlucke Mitluft.

 

Vertag dich nicht, du.

 

XI

Ein Blatt, baumlos

für Bertolt Brecht:

 

Was sind das für Zeiten,

wo ein Gespräch

beinah ein Verbrechen ist,

weil es soviel Gesagtes

mit einschließt?

 

XII

Bergung allen

Abwässerglucksens

im Briefmarken-Unken-

ruf. Cor-

repondenz.

 

Euphorisierte

Zeitlupenchöre behirnter

Zukunftssaurier

heizen ein Selbstherz.

 

Dessen

Abstoß,  ich wintre

zu dir über.

 

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